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Preußen im Schwabenland - Leseprobe

Bücher über BücherPosted by Checinski Mon, November 18, 2013 20:05:35
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Leseprobe


Preußen im Schwabenland

„Jetzt redet sie wieder Hochdeutsch“, sagte die Frau in Schürze über ihren Gartenzaun zur Nachbarin. Ein verächtlicher Ton zu einem ganz normalen Vorgang. Naja, in so einem kleinen schwäbischen Dorf im schwäbischen Gäu war das halt in den beginnenden 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts noch nicht Gang und Gebe Hochdeutsch zu sprechen. Da war halt schon noch Mundart und Geist, der Kleine, das verbindende Miteinander.

Hochdeutsch zu reden und nicht von hier zu sein, das war einfach etwas sehr Verdächtiges. Das schwäbische FBI, vertreten durch die Dorftanten, die ohnehin alles vom Nachbarn und noch mehr wussten, waren in Hochspannung versetzt. Zudem war meine Mutter nicht nur eine sogenannte „Reingeschmeckte“, nein, sie hatte noch ein Kind mit in die Ehe mitgebracht. Also ein uneheliches Kind. Zweites, absolut verdächtiges und im Grunde untragbares Verhalten.

Die Köpfe liefen heiß. Wer war diese Frau? Was wollte sie von dem armen Witwer? Von wem nur war dieses Kind? Könnte sie uns gar gefährlich werden? Und wer weiß, man will es nicht beschreien, hat sie sogar den bösen Blick?

Das Schlimmste an diesen Fragen war, sie konnten nicht beantwortet werden. Eine sehr schwierige Situation in dem kleinen idyllischen Dorf bei Herrenberg. Einem Ort des schwäbischen Friedens mitten im schönen Gäu.

Natürlich konnte dem potentiellen Feind nur mit potentieller Freundlichkeit begegnet werden. So waren die Damen des Dorfes bei Begegnungen mit meiner Mutter immer recht freundlich und vor allem wissbegierig. „Ja, wo kommet Sie aigentlich här, wenn i froga darf?“ oder „ja, wem kehrt denn des Mädle? Des isch doch net dem Heinrich seins, oder?“ Das waren so die Klassikerfragen an meine Mutter. Die durchschaute natürlich die Angelegenheit und antwortete mit Zustimmung wie z.B. „Da haben Sie Recht, das ist meine Tochter. Aber der Heinrich wollte ja immer ein Kind, gell?“. Fragen nach Herkunft von mir hat meine Mutter nie beantwortet. Ich wusste sie selbst nicht, bis zu meinem 14. Lebensjahr. Also sehe ich das mehr als gerecht an. Warum sollten andere vor mir erfahren, wo meine Wurzeln sind?

Sie taten sich schwer, die Dorfbewohner mit der Preußin und ihrem kleinen Balg. Und geheiratet hatte die den Heinrich auch noch. Wer weiß was die hier will. Bleiben tut sie jetzt ja wohl. Auch ich hatte in meinen Grundschuljahren immer wieder mit Anfeindungen zu kämpfen. Seinerzeit konnten auch die Dorfkinder noch nicht gut damit umgehen, dass ich eben nicht Schwäbisch sprach. Wir hatten zwar in der Schule einige wenige Ausländerkinder von Gastarbeiter-Familien aber bei diesen war Herkunft und Position eindeutig klar. Bei mir nicht. Ich hatte da eher ein Zwitterdasein. Und die Preußen, diese Hochnäsigen, wollte man sowieso nicht hier haben. Nicht Ausländer aber Reingeschmeckte, Deutsche aber keine Schwäbin. Kind vom Heinrich, einem vom Dorf, aber doch nicht seins.

So verkrustet die Dorfbewohner waren, so modern war unsere Mathematiklehrerin. Sie war der absoluten Überzeugung....

M.C.



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