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Vom Älterwerden...

Dies und Das und JenesPosted by Checinski Tue, May 13, 2014 07:31:59
Vom Älterwerden

"Erkenne dich selbst"

Epiktet

Wenn wir nicht vorher gehen, haben wir die Ehre, das Vergnügen oder die Aufgabe älter zu werden. Irgendwann, meistens so um du 60, sagte mir meine Freundin, fängt das an mit dem älter werden. Meine Freundin ist heute 77 Jahre alt und somit weiß sie wovon sie spricht, denke ich. Das Älter werden fängt manchmal schon früher an, meist so kurz nach dem 40. Geburtstag, wenn Sie plötzlich Ihr Buch mit ausgestrecktem Arm halten oder dann wenn Sie die ersten Falten auf Ihrem Dekolleté bemerken, wenn Sie Fältchen um ihre Lippen sehen, die sie so vorher nicht hatten.

Ein Krabbelkind erkennt beim Blick in den Spiegel ein Gegenüber aber noch nicht sich selbst. Wenig älter hat das Kind schon Freude am eigenen Spiegelbild. Spätestens in der Pubertät ist der Spiegel Schönheitsberater, Freund oder Feind und unverzichtbar auf der Bühne des Lebens. Das zieht sich durch die kommenden Jahre. Bis der Zeitpunkt der ersten Entdeckungen kommt. Der Falten-Entdeckungen. Plötzlich erkennt man mehr als das Antlitz, plötzlich schaut einem das Leben entgegen. Und plötzlich schaut man anders drein, in den Spiegel und aus ihm heraus.

Und Fragen tauchen auf : „Mein Gott, bist du das? Wo sind nur all die Jahre hin? Da muß ich noch hineinwachsen…“

Bereits in den 40ern findet eine Veränderung statt. Frauen sind nicht mehr in der „Küken-Aufzuchtphase“, sondern beginnen nun, gleich einer Pubertierenden, sich vorzubereiten auf die wechselnden Jahre, die vordergründig körperlich, aber in der Hauptsache eine persönliche Veränderung darstellen. Männer stellen sich in diesem Alter immer häufiger die Frage: War‘s das jetzt? Soll es so für den Rest meines Lebens weitergehen. Es kommt gehäuft zu Trennungen, bei manchen zum zweiten Start, beruflich wie partnerschaftlich.

Keine Angst, Die notwendige Ruhe nach dieser für manche chaotische Zeit stellt sich so um die 50 wieder. Bei einem mehr, beim anderen weniger. Eine Ruhe, die einem sagt: Die Sturm- und Drangzeit ist vorbei, die Findungsjahre hast du hinter dir, beruflich wie emotional. Für Frauen noch einschneidender, denn mit der beginnenden Menopause ist ganz klar: die Zeit des Kinderkriegens und Erziehens also die Zeit der biologischen Fruchtbarkeit ist um. Und nu?

Nun gilt es neues Land zu betreten und zum Blühen zu bringen. Waren wir vorher im Grunde immer nur für andere da, haben uns gekümmert und Kind und Kegel, um den Partner, um die Familie und Freundinnen, so ist es in den kommenden Jahren an der Zeit zu lernen, für sich selbst da zu sein, sich anzunehmen, sich zu pflegen und ganz wichtig: sich von äußeren Zwängen zu befreien. Für diesen Weg bedarf es der gewachsenen Reife, der inneren Ruhe und eines offenen Verstandes. Man erkennt u. U. erst jetzt seine wahre Bestimmung. Man lernt in den folgenden Jahren, sich anzunehmen und sich nochmals neu zu definieren.

Hier finden wir auch den tieferen Sinn von Epiktets Spruch: „Erkenne dich selbst“.

Alles hat seine Zeit und das Alter ist genau für diese Zeit prädestiniert, ich möchte sagen vorgesehen.

Natürlich ist es anfangs nicht einfach, einzugestehen, daß eben keine Nächte mehr durchgetanzt werden können, das Sport anstrengender wird, das einen Zipperlein plagen und man mit dem Musikgeschmack nicht mehr mit der Jugend gleichziehen kann und auch nicht mehr will. Natürlich erkennt man klaren Blickes im Spiegel: Der Körper sah früher anders aus. Irgendwann trägt Frau die Brüste niedriger und Mann den Bauch weiter vorn. irgendwann verlässt Straffheit die Haut und eine gemütliche Faltung stellt sich ein, bei einem mehr, beim anderen weniger, aber sie kommt. Es ist eine Zeit des Verabschiedens und Akzeptierens. Die Endlichkeit war zwar vom ersten Atemzug an ein Teil des Lebens, wird nun aber viel bewusster wahrgenommen. Die Vergangenheit wird als das erkannt was sie ist, ein Teil des schon verstorbenen Lebens. Nichts kann mehr rückgängig gemacht werden, noch einmal so angefangen oder genauso wiederholt werden. Je kürzer die Zeit, die vor einem liegt, desto klarer und intensiver der innere Blick, auch wenn sich schon Altersweitsichtigkeit breit gemacht hat.

Es schält sich eine mehr und mehr vorherrschende Gelassenheit heraus. Die Fähigkeit, Ruhe zu bewahren, bei Dingen, die einen früher noch zum ausrasten gebracht hätten, Ruhe über Themen, über die man früher vielleicht noch stundenlange Diskussionen geführt hätte. Gelassenheit anderen gegenüber und auch sich selbst gegenüber. Und das ist eine immens wichtige Entwicklung in dieser Zeit.

Das Leben findet mehr in einem selbst statt. Das hat es schon vorher, aber da war man zu sehr im Außen beschäftigt.

Schwierig wird es nur, wenn die eintretende Ruhe in Einsamkeit umschlägt. Das passiert leider vielen Menschen. Gerade mit den Jahren sind Gespräche, und das Miteinander mit Familie, Freunden oder Bekannten von größerer Intensität und Wichtigkeit. Gerade jetzt verlieren leider immer mehr Menschen auch körperliche Kontakte. Die Kinder sind schon lange selbständig, der Partner hauptsächlich mit sich beschäftigt, vielleicht sogar erkrankt oder vielleicht auch schon nicht mehr präsent. Vielleicht sind Sie gerade Mitte 60 und würden jetzt gerne noch einmal eine Reise unternehmen. Aber mit wem? Vielleicht sind Sie gerade Mitte 70, der Geist fit, der emotionale Herz noch mit Schwung dabei aber Ihr Körper sagt schon zu längeren Spaziergängen nein. Jeder Gang zur Gymnastik oder Massage wird zu einem sozialen Event, weil eben sonst kaum noch einer Zeit für Sie hat. Liebevolle Berührungen finden wenig statt und wenn dann nur noch verordnet durch Massagen, wer sich‘s leisten kann.

Ich will das Alter nicht gebrechlich, hässlich und einsam malen. Viele Ältere sind heutzutage noch richtig fit. Sie organisieren sich in PC-Treffs, sie engagieren sich sozial oder reisen noch hin und wieder durch die Welt. Wer Glück hat, ist in ein intaktes familiäres Netz eingebettet und somit ergeben sich täglich neue Themen. Wie gesagt, wer diese Glück hat – in unserer heutigen Zeit.

Weniger Glück haben die alten Menschen, die sich selbst nicht mehr versorgen können. Sie müssen ihre Eigenständigkeit und die eigenen vier Wände mit allem was ihnen einmal wichtig erschien an der Klinke eines Altenheims abgeben.

„Alt werden ist nichts für Feiglinge“ mit diesem treffenden Titel beschreibt Joachim Fuchsberger in seinem sehr persönlichen Buch seinen Weg ins Alter. Offen geschrieben und amüsant zu lesen übrigens.

...


(Auszug aus meinem im Sommer erscheinenden Buch "Rote Seiten")



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